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Schulfest

„Nein, Sie haben keinen Hörsturz! Solange Sie nicht über mehrere Stunden hinweg außergewöhnliche Ohrengeräusche wahrnehmen, haben Sie definitiv nichts.“

„Wie, ich habe nichts?!“

„Es lässt sich aktuell kein auffälliger Befund erheben; sie brauchen sich für den Moment keine Sorgen zu machen.“

„Gut, vielen Dank, Herr Dr. Sailer; jetzt bin ich doch ziemlich erleichtert! Und ich dachte schon, es wäre etwas Ernstes.“

Werner schätzt seinen langjährigen Hals-Nasen-Ohren-Arzt außerordentlich. Ein erstklassiger Diagnostiker und überaus sensibel im Umgang mit seinen Patienten.

In letzter Zeit ist Werner in der Schule lärmempfindlich geworden, - ohne erkennbaren Grund. Er übt seinen Beruf als Lehrer immer noch gern aus: den Unterricht in seinen Fächern, den täglichen Umgang mit seinen Schülern; bloß auf die Stapel von Korrekturen an den Wochenenden würde er manches Mal gerne verzichten.

Die Diagnose von Dr. Sailer entlastet ihn spürbar. Sie vermag allerdings nicht zu erklären, was er neulich während des Schulfests erlebt hatte.

Samstagnachmittag im Foyer der Schule: Alle Schulklassen haben aufwändig ihre Stände und Stellwände aufgebaut und stellen ihre letzten Projekte zum Ende des Schuljahrs vor. Ein wenig stolz ist Werner auf seine 7. Klasse, mit der er zuletzt einen Kalligrafiekurs durchgeführt hatte. Die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen. Die Eltern dürften einmal mehr begeistert sein. Während Werner über den Flur läuft, begegnet er einigen Schülern seiner Klasse und deren Eltern; ebenso scheinen einige Besucher aus dem Stadtteil heute in der Schule vorbeizuschauen.

Werner hört die zahlreichen Stimmen der Schüler und Besucher, die sich angeregt über die ausgestellten Projekte unterhalten. Auch in diesem Jahr ein vielstimmiger Chor, der mitunter einer babylonischen Sprachverwirrung gleichkommt. Die Schüler und ihre Familien stammen zum Teil aus den unterschiedlichsten Regionen dieser Erde. Werner hört Sprachen, die er niemals zuvor in seinem Leben gehört hatte und von deren Existenz er allenfalls ahnungsweise wusste. Neben Arabisch und Berberisch aus Nordafrika, Aramäisch aus Syrien, slawische Sprachen aus Osteuropa.

Während Werner sich langsam einen Weg durch die Menschenmenge bahnt, hört er ein eigentümliches Raunen im Foyer der Schule. Einzelne Schülerstimmen, Sprachen und Akzente lassen sich deutlich voneinander unterscheiden. Je länger Werner bewusst hinhört, desto stärker und auch unangenehmer wird diese Geräuschkulisse. Fast alle im Raum sprechen mehr oder weniger durcheinander. Seine Ohren beginnen zu schmerzen. Er massiert seine Ohrläppchen. Doch, - vergeblich. Seine Ohren fallen zu und versagen ihren Dienst.

Werner hat aufgehört hinzuhören; einzelne Stimmen treten allmählich in den Hintergrund und beginnen zu verschwimmen. Inzwischen nimmt er nur noch einen breiten, kaum hörbaren, Strom wahr, in den die unterschiedlichen Stimmen und Sprachen eintauchen. Ein auf- und abschwellendes Rauschen, das sich mit der Zeit immer angenehmer anfühlt.

Werner ist sich unsicher, was er soeben hört. Er traut seinen Ohren nicht. Es klingt fremd und doch irgendwie beruhigend zugleich.

Seine Hörfunktion war im Übrigen immer noch überdurchschnittlich gut; das hatte ihm Dr. Sailer zuletzt wieder bestätigt.

Einen Moment lang denkt er an seine verstorbene Großmutter. In seiner Kindheit hatte sie ihm regelmäßig aus einer Kinderbibel vorgelesen und die zahlreichen Bilder darin aufmerksam mit ihm betrachtet. Momente der Geborgenheit und Vertrautheit zwischen ihm und seiner Großmutter.

Auch wenn ihm als Kind die biblischen Erzählungen immer etwas sonderbar und unverständlich vorkamen. Passion und Ostern waren schon seltsam genug und mit Himmelfahrt und Pfingsten erging es ihm schließlich auch nicht viel besser.

Immerhin erschien ihm Pfingsten wie eine echte Fantasy-Geschichte. Unzählige Menschen aus verschiedenen Ländern kommen in Jerusalem nach dem Tod von Jesus zusammen, um die Ereignisse um seine Person zu verstehen. Jeder spricht dabei in seiner eigenen Sprache, - ohne eine Chance den anderen zu verstehen.

Großmutter las und erzählte an dieser Stelle immer besonders spannend vor; vielleicht weil alles kurz vor Schluss in einem großen Durcheinander zu enden drohte.

Bis auf den einen Moment, in dem jeder den anderen zu verstehen beginnt, ohne dessen Sprache zu sprechen. Und niemand konnte so richtig erklären, wie es genau dazu kam.

Und jetzt im Foyer: Unzählige Stimmen, Sprachen und Kulturen, die sich für den Moment unverständlich bleiben. Und doch klingt es in Werners Ohren langsam anders, - fast wie verwandelt. Seine Ohren öffnen sich wieder. Aus dem Stimmengewirr der Schüler und Eltern entsteht ein gemeinsames Hören und Verstehen über alle sprachlichen Grenzen hinweg. Eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung, - ein Hauch von Pfingsten.

Nach dem Besuch in der HNO-Praxis ist sich Werner sicher: Was auch immer an jenem Vormittag im Foyer seiner Schule passiert war, er selbst hatte in der Tat keinen Hörsturz erlitten.

Er muss bei nächster Gelegenheit darüber unbedingt mit seinen Schülern sprechen.

Für einen Augenblick denkt er intensiv an seine Großmutter und sieht ihr Gesicht vor sich: Sie lächelt ihn wie früher verständnisvoll an.

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