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Bücher, Bücher, Bücher - Empfehlungen für die Urlaubszeit

Katja Köhne:  Tod in Boltenhagen

Tod in Boltenhagen © Edition-Falkenberg

Das zweitälteste Ostseebad an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern ist Schauplatz des Krimi Debüts von Katja Köhne. Kein blutgetränkter Krimi mit sich immer wieder übertrumpfenden Ereignissen, sondern eher einer der stillen Sorte. Ohne Schuss- oder Stichwaffen aber mit viel Zwischenmenschlichem.
    Der Roman erstreckt sich über rund 30 Jahre, führt zurück bis 1992 und gibt Einblick in sprachliche Besonderheiten zwischen Ost und West. Arbeitet sich nicht an den unterschiedlichen Wahrnehmungen der dort lebenden Menschen ab, sondern versucht zu erläutern, zu erklären - was meines Erachtens gut gelungen ist. Was sicherlich auch darin begründet ist, dass die Autorin viele Jahre in Mecklenburg gelebt hat und nunmehr in Bremen wohnt.
    Der Spannungsbogen bleibt bestehen, auch wenn es nicht immer sofort erkennbar ist, nimmt die Leser mit zum Kaffeeklatsch in den Garten, ebenso wie zu den Vernehmungen diverser Verdächtiger. Beschreibt die Gedanken und Handlungen einer Frau, deren Mann unverhofft verschwindet und letztlich endet der Roman anders als zu Beginn vermutet.
    Viel Raum nehmen die Beschreibungen der Protagonisten ein, ihre Hintergründe und die Darstellungen ihrer gegenwärtigen Lebenssituationen.
    Ein Roman mit Unterhaltungswert, auch wenn man Boltenhagen nicht kennt. Flüssig geschrieben mit fundierten Zusatzinformationen. Die ideale Urlaubslektüre.

 

     Burckhard Specht          

     Verlag Edition Falkenberg     ISBN 978-3-95494-300-5

Dörte Hansen:    Mittagsstunde

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Die Einstimmung auf „Mittagsstunde“ gelingt vermutlich noch besser mit einem Tee vor dem kuscheligen Ofen, wenn der Wind die Regentropfen an die Scheiben drückt.
Brinkebüll in Schleswig Holstein, eine gute Fahrstunde von Kiel, kurz über die Autobahn und nicht zu weit entfernt von der Nordsee. Weder Google noch der alte Shellatlas können zeigen wo dieses Dorf liegt. Und dennoch ist es ganz in unserer Nähe.
    Dörte Hansen nimmt uns in ihrem zweiten Roman auf eine Reise in ein Dorf mit, wo die Welt nicht nur morgens um sieben in Ordnung zu sein scheint. Hier wird die soziale Gemeinschaft hochgehalten, werden Feste gefeiert und wird feste gefeiert, der Dorfkrug als Mittelpunkt. Nachrichtenzentrale und Seismograph für das Leben in Brinkebüll.
    Dörte Hansen kennt die Gesetze eines Dorfes und wirkt wie eine stille Beobachterin, zeigt die Schrammen auf, lüftet vorsichtig das eine oder andere Geheimnis und stellt es unerwartet in den Raum. Sie setzt das Leben in Szene, mit wunderbaren, einfühlsamen Metaphern und lässt Dialoge in den Hintergrund treten, wodurch die Charaktere stärker ausgeprägt werden. Sie scheint jeden Tag von ihrer Küche aus auf den Gasthof der Feddersens zu schauen und ist mitten drin im Leben in Brinkebüll.
    Kaum vorstellbar, dass jemand anderes als Dorfchronist die Veränderung eines Ortes so emotional beschreiben kann. Durch die kurzen plattdeutschen Einschübe gewinnt der Roman noch mehr an Authentizität. Wer diesen Roman in den Händen hält, der wird es ergehen wie der Brinkebüller Gönke Boysen.

 

     Burckhard Specht             Leseprobe      
     Penguin Verlag     ISBN 978-3-328-60003-9

Dörte Hansen:    Zur See

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Zu Beginn fühlt sich der Roman langatmig, spannungslos an. Wiederkehrende Situationsbeschreibungen. Langsam kommt die Bewegung, norddeutsch und präzise, auf die Seiten. Nach und nach entblößt Dörte Hansen die alte Kapitänsfamilie Sander. Zeigt deren Lebensgeschichte auf. In einer besonderen Satzmelodie, bringt sie die Lesenden um ihre Ruhe, lässt die hautnah am Leben der Familie Sander teilhaben.
  Das Leben auf einer Nordseeinsel, irgendwo in Jütland, Friesland oder Zeeland, schreibt sie und zeigt ganz nebenbei die Entwicklung des Tourismus der besagten Insel auf. Dörte Hansen klagt nicht an sondern erinnert uns nur an die touristische Entwicklung auf irgendeiner Nordseeinsel. 

  Diese Insel kann überall sein. In der Nordsee, der Ostsee – auch wenn die Tiden fehlen – und irgendwo sonst in diesem Land als touristisches Eiland. Das Zusammenspiel der Menschen, die dort leben und der Gäste, die temporär an dem Leben teilhaben, kann mit all seinen Entwicklungen treffender nicht vor Augen geführt werden. Als wäre Dörte Hansen auf dieser Insel geboren und hätte ihr Leben bis heute dort verbracht.
Ein wunderbarer Roman.


     Burckhard Specht                   Leseprobe     
   
  Penguin Verlag     ISBN 978-3-328-60311-5

Dörte Hansen:    Altes Land

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Der Debütroman von Dörte Hansen, die mit den drei bisher erschienenen Büchern eine Auflage von über zwei Millionen erreicht hat. Herkunftsromane, so betitelt die Autorin das Genre ihrer Bücher, keine schlichten Heimatromane.
Mit „Altes Land“ beschreibt sie die vermeintliche Idylle des Landlebens, welches auch die Schickimicki Szene aus Hamburg anzieht, ohne dabei zu urteilen oder zu verurteilen. Das Leben in der Apfelkammer Norddeutschlands sieht für die Zugereisten eher nach Bullerbü als nach Leben mit Arbeit aus. Es zeigt die unterschiedlichen Charaktere auf, von den verwurzelten Altländern bis zu den Kriegsflüchtlingen, gefolgt von Fliehenden der Gegenwart.
  Alles in einer fließenden Sprache, die beim Lesen in einen unaufhaltsamen Strom mündet, der es schwer macht, eine Pause zu finden. Die Spannung wird durch die unterschiedlichen Charaktere und die häufigen Wechsel aufgebaut.
   Ein absolut lesenswertes Buch, welches wir sehr gern empfehlen.

     Burckhard Specht         Leseprobe
    
Penguin Verlag     ISBN 978-3-328-10012-6

Sigrid Dobat:  Nenn' mich Margot

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Der Roman erzählt von einer Frau, die kurz vor Kriegsende aus der Hauptstadt nach Kiel geflohen war. Kiel war im Krieg Stützpunkt der Kriegsmarine und von drei großen Werften, somit auch Ziel von unzähligen Luftangriffen und wurde zu 80% zerstört.    
  Nach einem der Luftangriffe gelangt sie durch Zufall in den Besitz eines fremden Koffers mit Dokumenten und persönlichen Gegenständen. Sie nutzt die Gelegenheit, um auch ihre eigene Vergangenheit, die Schritt für Schritt beleuchtet wird, zu verdecken.
  Ihre Kontakte zu den Besatzungstruppen wird von einigen argwöhnisch betrachtet und feinsinnig von Sigrid Dobat beschrieben.
  Die Situation einer alleinstehenden Frau, gebildet und zielbewusst, die in einer von Männern beherrschten Umgebung arbeitet. Das Buch endet mit einem unerwarteten Ende.

Mich hat der Roman fasziniert und kann ihn jenen empfehlen, die mehr über die starken Frauen in den Kriegsjahren erfahren wollen.

 

     Burckhard Specht    
     Ihelo Verlag     ISBN 978-3-940926-38-8

Georg Schreiber:  Der Gerichtsgutachter

Der Gerichtsgutachter © Georg Schreiber

Eine trockene Materie kommt dort auf mich zu, wird der Leser meinen, wenn er den Titel vor sich hat.
Da mir Georg Schreiber im Gespräch nach der Lesung noch bestätigt, dass viele autobiographische Erlebnisse Eingang in den Roman erhalten haben, wird das Interesse noch größer. Georg Schreiber ist von Beruf Gerichtsgutachter. Jemand, der in seinem Buch Erlebtes, Reales einbringt und verarbeitet.
Zwei Bereiche werden miteinander verknüpft: Die vom Gerichtsgutachter zu bearbeitende Fälle, mit einem Einblick in die Details, um dem Leser die Möglichkeit der eigenen Beurteilung zu geben. Einerseits. Auf der anderen Seite zieht sich das gemeinsame, unterschiedlich wahrgenommene Liebesleben des Gutachters zu seiner lebensfrohen Teilzeitpartnerin wie ein roter Faden durch den Roman.Georg Schreiber versteht es in einer schnell lesbaren Handlung nach und nach Spannung aufzubauen, aber auch den Lesenden zu ungläubigem Kopfschütteln zu bewegen. Verschiedene Milieus liegen dem Buch zugrunde und führen den Roman zu einem Ende, dass letztlich die Leserschaft überraschen wird. Die ein oder andere spannungslose Phase wird schnell wieder wettgemacht.
    Ein interessantes Buch, besonders für die Leserschaft, die Authentizität aus erster Hand haben möchte, mit dem Gefühl, dass hier jemand die Materie, die er beschreibt, sehr gut kennt.

               

     Burckhard Specht        Leseprobe   
   
Omnino Verlag     ISBN 978-3-95894-172-4        

Gregor Sander:  Ales richtig gemacht

Sander_Sander © Penguin Verlag

Der Roman erzählt die Geschichte von zwei Jungen unterschiedlicher Charaktere, die sich in der Schule in Rostock, in der DDR, kennenlernen. Die Elternhäuser können kaum unterschiedlicher sein, was die Freundschaft jedoch wenig belastet. Die letzten Jahre der DDR fließen glaubwürdig in den Roman hinein, dessen Autor in Schwerin geboren wurde.
Immer wieder werden die ungleichen Wege der beiden Männer aufgezeigt, mit den geänderten Lebensverhältnissen nach dem Fall der Mauer, das eher bürgerliche Leben des Einen, die Unaufgeräumtheit des Anderen. Frauen, die deren Leben von der Pubertät bis ins Jetzt prägen und es  auch in Teilen verändern.
Gregor Sander hält die Geschichte in einem schnell lesbaren Schreibstil kontinuierlich am Laufen, jedoch ohne eine hohe Spannung aufzubauen. Herzrasen Fehlanzeige, dafür Tiefgang, mit Witz und Wahrung des Erlebten in seiner alten Heimat.
Alles richtig gemacht. Oder Alles richtig gemacht? Das liegt im Empfinden der Leserschaft und unterstreicht den Lesewert des Romans.  

               

     Burckhard Specht        Leseprobe   
    
Penguin Verlag     ISBN 978-3-328-10643-2

Ukrike Dotzer:  Goldener Boden

Goldener Boden © Europa Verlag

Ulrike Dotzer schlägt einen weiten geschichtlichen Bogen einer Familie über drei Generationen, die das Ausüben desselben Handwerks eint.

So unterschiedlich die konkreten Erlebnisse, Erfahrungen und der Umgang mit ihnen, so gleich sind ihre Lebensthemen – Flucht und Vertreibung aus der Heimat, Schmerz über das Zurückgelassene sowie Hoffnung, Kraft und der enorme Mut für entschlossene Neuanfänge und ihr gemeinsames Handwerk, das Menschen schöner macht und auf goldenem Boden steht.

In Gustav, einem der Protagonisten des Romans wächst eine tiefe Religiosität, die ihn am Anfang seiner Mannesjahre handlungsfähig, in reiferen Jahren beobachtend und duldsam und zum Ende seines ereignisreichen Lebens friedvoll leben lässt.

Clara, die andere Protagonistin und Tochter Gustav`s erfüllt fleissig, zukunfsorientiert und umsichtig ihre selbstentworfenen Visionen und Pflichten. Ruhe ist für sie Müßiggang und Stillstand, den sie sich verbietet. „Machen, machen, machen“ ist ihr Credo.

Und die Töchter „machen“ gleichfalls, sehen sich jedoch bereits mehr als „Macherinnen“ für individuelle eigene Ziele, wenn auch in einem begrenzten Rahmen.

Eines eint sie generationsübergreifend, sie sprechen wenig oder gar nicht über sich. Und schon überhaupt nicht tauschen sie sich über Erlebtes aus. „Nicht dran Rühren, alles auf dem Gleis lassen“ meint Clara.

Ulrike Dotzer zeichnet ein historisch exzellent recherchiertes Bild des deutschen Kaiserreiches, des Naziregimes, der Zerstörung dessen und den Aufbau der deutschen Wohlstandsgesellschaft. Gleichfalls gestaltet sie psychologisch kenntnisreich Denkschemata, Glaubenssätze und Handlungsorientierungen der jeweiligen Zeitepoche.

 

Diese Buch empfehle ich, weil……

- es aktuell, facettenreich differenziert und sprachlich elegant und mitunter witzig ist

- es die beeindruckende geballte Kraft einer Familie zeigt

- es das Thema des nicht ins Gespräch kommen der Generationen der

Kriegseltern, -kinder und -enkel so anschaulich und existentiell nachvollziehbar darstellt.

Und dennoch alles danach schreit, sich miteinander auszutauschen, um den Schmerz, die Einsamkeit und Krankheit zu mindern, ganz im Sinne von Sabine Bode „Die vergessene Generation“ und weiterer Veröffentlichungen von ihr.

     Anne-Kathrin Heinze       Leseprobe

     Europa Verlag   ISBN 978-3-95890-512-2

Juli Zeh   Unterleuten

Unterleuten  ©  btb Verlag

Unter Leuten in Unterleuten trifft den Inhalt des Romans, der in einem fiktiven Dorf unweit der Hauptstadt liegt, am besten. Die Personen, die das Leben in Unterleuten bestimmen, werden am Ende des Buchs einzeln dargestellt, welches sich bei der Länge des Romans von 656 Seiten als hilfreich erweist.
  Langsam führt Juli Zeh die Leser an die einzelnen Charaktere heran. Urgesteine von Unterleuten vermischen sich mit Hauptstadtflüchtigen, die in den Weiten Brandenburgs ihre neue Existenz aufbauen wollen. Unvermeidlich, dass auch alte Ost-West-Dissonanzen Zugang finden, wobei ein alter LPG-Betrieb stark dominiert. Juli Zeh versäumt es nicht, den Ausverkauf nach der Wende und indirekt die politischen Fehler aufzuzeigen.
  Im ersten Teil werden die Charaktere eingehend beschrieben, um dann langsam zusammenzuwachsen. Ungefähr bei der Hälfte des Romans wird der Inhalt etwas gestreckt, verliert an Spannung und wird stellenweise zäh. Dann nimmt der Roman wieder Fahrt auf, steigert sich und hält die Spannung bis zum Ende hoch. Einem Ende, das nachvollziehbar ist aber nicht vorhersehbar war.  
  Ein lesenswerter Roman, der zwischen den Zeilen vieles andeutet.
   

Burckhard Specht          Leseprobe
btb Verlag           ISBN: 978-3-442-71976-1

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