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Martha

Wo ist der Hendrix? In der Wäsche?

Ich frage die Mutter. Aber die warnt: „Komm‘ mir nicht wieder so betrunken nach Hause wie letzten Samstag, hörst du! Lass‘ den Fusel aus dem Körper!“

Ich schließe die Tür hinter mir und suche nach einem anderen T-Shirt, nehme das mit Clapton vorne drauf. Die Arche begeht heute ihr fünfjähriges Bestehen und da gehöre ich zum festen Inventar an der Theke.

Letzten Samstag feierte Schlabbes seinen Geburtstag. Er lud alles ein, was Bier und Schnaps trinken konnte. Der kann sich das leisten, seine Alten haben massig Kohle. Leider weiß ich nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Petra wollte mir das Wäldchen zeigen. Gemeldet hat sie sich seitdem nicht. Ist auch egal, die stand auf T-Rex, und die Typen kann ich nicht ausstehen. Und sie Mick Jagger nicht.

Das T-Shirt sitzt wie eine Eins, antwortet mir der Spiegel und die Jeans gibt ihr Bestes. Ich beeile mich, der Bus kommt in zehn Minuten.

 

Die Kneipentür knarrt in den Angeln. Du hebst den Kopf und schaust mich an.

Ich entdecke dich sofort - da hinten an dem langen Tisch zwischen unbekannten Gästen. Ein Blitz trifft mich und schlägt auch bei dir ein.

Ich lande an der Theke. Davor reihen sie sich alle auf: Der Schlabbes, der Hansi, der Hirsch und der Hein. Ich bestelle ein Bier und erhoffe deine Blicke auf meinem Rücken.

Ich drehe mich um und finde deine Augen.

Hein erzählt mir sein Leben. Wieder einmal. Da gehst du an der Theke vorbei zur Toilette.

Mist, verpasst.

Du kommst zurück, wir sehen uns an und sind verlegen. Aus dem Lautsprecher der Musikbox krächzt Tom Waits: “Martha, I love you, can’t you see?“

„Hallo.“

Mehr fällt mir nicht ein. Aber du bleibst stehen. Wenigstens das. Jetzt nur nichts Falsches sagen.

„Du bist nicht von hier?“

Du lächelst und zeigst auf mein Glas Alt.

„Was trinkst du denn da? Soll das Bier sein?“

„Sicher, ich schlucke immer altes Bier.“

Du lachst.

„Willst du mal probieren?“

So gegen Mitternacht fährt deine Freundin nach Hause. 

„Ich muss mit.“

Du küsst meine Wange.

 

„Morgen fahre ich wieder nach München, lass uns den letzten Tag genießen“, sagst du am Telefon.

Eine Stunde lang saß ich im Flur neben dem Apparat und wartete auf deinen Anruf. Sicher ist sicher.

Mit meinem alten Taunus hole ich dich ab.

„Ich war nie in einem Autokino“, sagst du, „hier in Essen gibt es doch eines?“

„Heute läuft da nur ein Western.“

„Ist mir egal, das wird spannend, so oder so.“

Wir parken in der letzten Reihe des Kinos. Die Heizung im Fußraum spendet Wärme, aber der Lautsprecher bleibt stumm. Die Farben des Filmes spielen auf unserer Haut.

Da springt die Platzbeleuchtung wieder an.

„Schon zu Ende?“, frage ich.

„Komm, lass uns irgendwo hinfahren, wo wir ungestört sind“, sagst du.

Die Regentropfen auf der Windschutzscheibe blitzen im Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos. Du lachst mich an und drehst dich zu mir hin, deine Haut schimmert wie Elfenbein. Auf dem Kassettendeck läuft „Blue Sunday“ von den Doors.

Du weinst jetzt.

Ich drücke dich an mich, halte dich fest.

„Du, da kommt einer den Weg entlang, lass uns besser verschwinden.“

 

Nach siebenstündiger Fahrt erreiche ich euer Haus.

„Tolle Hütte“, sage ich.

„Ja, regnet nicht rein“, gibst du zu.

Deine Mutter ist auf Geschäftsreise. Eine Flasche Wodka feiert mit uns das Wiedersehen. Wir hören die Doors, du hast die neue LP. Der Wodka und „Light My Fire“ überwältigen uns. Wir ahnen kurz die Ewigkeit. Ich schlafe im Zimmer deines Bruders, in der Nacht schlüpfst du unter meine Decke.

Die Sonne zieht die Schatten der Bäume in die Länge, die Luft im Englischen Garten riecht nach Gras und Sommerabend. Ein Flugzeug kratzt weiße Streifen in den Himmel. Du liegst auf mir, dein Herz schlägt auf meinem. Du küsst mich, deine Haare kitzeln in den Ohren. Ich halte dich fest. Nur noch gedämpfte Geräusche und die Farbe Rot hinter geschlossenen Lidern.

„Ich will immer so liegen bleiben.“

Du setzt dich auf und ziehst die Beine an den Oberkörper. Ein Kalenderblatt flattert in deiner Hand. Du liest leise:

Herbst.

Die Zeiten heißen jetzt Abschied.

Dunkle Wolkenfetzen rasen

über den einst blühenden Garten.

Der zarte Halm meiner Lilie,

gebrochen im Wüten der Winde.

Der alte Zaun weint bei seinem Baum,

hofft auf den schützenden Schnee.

Deine Augen schimmern im späten Licht.

„Das Gedicht stand heute Morgen auf dem Küchenkalender. Bitte, lass unser Glück nicht so enden, hörst du?“

 

„Ich hab‘ ihn!“

Du rufst aus dem Keller und winkst mit dem Motorradhelm deines Bruders.

„Es wäre auch ohne die Mütze gegangen.“

„Komm, wir fahren in die Berge“, sagst du.

Wir erreichen den ersten Pass. Die Yamaha schnurrt bergauf und bergab. Wir rasten auf einer Bank. Deine Hand findet die meine, die Gipfel lehren uns das Schweigen. Der Bussard dort oben kreist nur für uns.

„Thank you for the days“, singe ich leise.

 

Später. Eine BMW schiebt uns an.

„Will der Kerl mich anmachen? Dem zeige ich, wo der Hammer hängt.“

Ich gebe Gas. Auf den Geraden drängt er an meinem Hinterrad, in den Serpentinen lasse ich ihn stehen.

Ich schreie zu dir: „Der kommt nicht so schnell durch die Kurven wie wir!“

Dein Helm nickt. Wir rasen den Pass hinauf und wieder hinab, die BMW hinter uns.

Deine Hand trommelt auf meinen Rücken.

„Du, nach der nächsten Kurve müssen wir abbiegen!“

Ich reiße noch einmal den Hahn auf, die Maschine schießt auf die Kurve zu. Jetzt bremsen. Da springen die vorderen Bremsklötze aus ihrer Halterung. Keine Chance mehr.

 

Meiner Freundin gehe es entsprechend gut.

Der Stationsarzt sitzt an meinem Bett.

Sie habe nur Prellungen und Schürfungen. Bei mir sehe die Sache anders aus. Morgen führe mich ein Krankentransport in die Uniklinik nach Essen.

Ich habe zwei Jahre gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Handball spielen? Fußball?

Vergessen Sie es, sagte die Ärztin in der Klinik.

Das Abitur habe ich abgehakt.

Du hast mir geschrieben, deine Mutter untersage dir jeglichen Kontakt zu mir. Bitte warte auf mich Tom, hieß dein letzter Satz.

Aber die Welt dreht sich weiter.

 

Seit langem einmal wieder in der Arche, mit einer Ewa im Schlepptau. Ansonsten bin ich Stammgast in den Kneipen am Hauptbahnhof, immer auf der Suche nach Alkohol und Frauen.

„Noch ein Glas Sekt Ewa?“

Ich streichele ihren Rücken.

„Gerne, mein Süßer.“

Sie setzt sich auf einen Barhocker, ihr Rock rutscht ein wenig höher. Sie lächelt mich an.

Der Wirt stellt uns Bier und Sekt auf den Tresen. Ich schlüpfe mit meiner Hand unter Ewas Pullover, beiße ihr ins Ohr.

„Komm, lass uns auf die Toilette verschwinden.“

Ewa küsst mich.

Da knarrt die Eingangstüre. Ich öffne die Augen.

Du schaust mich an, lange Sekunden.

Mit einem Ruck drehst du dich um, die Tür schließt sich hinter dir.

„Was ist los?“, fragt Ewa.

„Nichts, mein Schatz, nichts.“

 

Liebe Martha,

ich hoffe, dass die Adresse stimmt und dass dieser Brief bei Dir ankommt. Erinnerst Du Dich noch an unsere Zeit in der Arche in Essen oder im Englischen Garten bei Dir in München? Herbst hieß das Gedicht, das du mir vorgelesen hattest. Wie jung wir damals waren. So jung! Ich lag neben Dir im Grase, verwundet von meinen Gefühlen und Deiner Zärtlichkeit. Die Sorgen sparen wir uns auf für später, sagtest du. Und ich? Ich wollte Dir beweisen, was für ein toller Mann das Motorrad lenkt. Ich bereue meinen Leichtsinn bis heute. Dafür habe ich bitter bezahlt.

Und Du auch – ich weiß.

Wie lange ist das jetzt her? Dreißig Jahre? Bestimmt mehr. Bist Du glücklich, hast Du einen Mann und Kinder? Ich war einmal verheiratet, aber schon lange lebe ich allein.

Die Szenen mit Dir füllen meine Träume. Ich habe Dich immer geliebt, all die Jahre. Leider begreife ich das erst spät. Ich hoffe auf eine Antwort von Dir. Ich werde verstehen, wenn Du diesen Brief in den Papierkorb schmeißt.

Dann verbleibt mir nur die Schuld.

In Liebe

Tom

 

Der Pfleger hebt mich in mein Bett. Er nimmt den Brief und legt ihn zu den anderen. Dann stellt er dein Bild zurück ins Regal. Du lächelst.

 

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Porträt des Autors:

Klaus Dimar, geboren in Essen, lebt heute in Potsdam. Ein Sohn, drei Töchter. Abitur am Bischöflichen Abendgymnasium in Essen. Zwölf Jahre Selbständigkeit, zehn Jahre Arbeit mit psychisch beeinträchtigten Menschen, zuletzt Angestellter im Archiv. Zurzeit schreibt er an einem Kurzgeschichtenband und einer Novelle. Wenn nicht am Schreibtisch, unternimmt er Wanderungen an den nahen See oder Fahrradtouren ins Havelland, immer die Kameras zur Hand.

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