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Grundriss oder Frau Winters Geranie

Besser noch nicht. Sie wartet.

Sie will sicher sein, dass ihr niemand im Treppenhaus begegnet. Dann erst wird sie die halbe Stiege hinaufgehen und ihre Geranie gießen. Vor dem Treppenhausfenster auf der schmalen Fensterbank steht sie. Den schönsten Übertopf hat sie ausgewählt. Im Treppenhaus gibt es keine anderen Blumen. Nur ihre Geranie.

Auf einer kleinen Tafel, die neben der Pflanze im Topf steckte, hat sie gelesen, dass die Geranie Sonne braucht. Die Fenster ihrer Wohnung gehen nach Norden.

Manchmal besucht sie ihre Geranie, einfach so, um bei ihr zu sein. Dann redet sie mit der Pflanze. Manchmal bringt sie ihr Wasser.

Ein Geschenk der Kirchengemeinde zu ihrem 80. Geburtstag. Es war ihr peinlich, als der Pastor persönlich kam, um ihr die Geranie zu bringen. Nie ist sie in der Kirche gewesen, nicht einmal am Weihnachtsabend. Der Pastor wickelte die Pflanze aus dem Papier und sie schaute auf die dunkelrote Blüte. Immerzu. Dann ging der Pastor wieder. Sie hob die zarten Blütenblätter auf, die beim Auswickeln aus der Blütendolde fielen, und legte sie zwischen zwei Buchseiten. Zwischen Seite 80 und 81, damit sie sie wiederfinden kann.

Jetzt wartet sie am Fenster. Darauf, dass sich etwas ereignet draußen. Nicht etwa, dass sie möchte, dass ein Unglück geschieht. Es reicht ihr zu sehen, wenn eine Frau mit leerem Einkaufsbeutel aus der Seitenstraße kommt und später mit vollem Beutel zurück. Dann stellt sie sich vor, was die Frau eingekauft hat.

Sie selbst braucht nicht viel, sie ruft im Supermarkt an.

 

Im Haus ist es still jetzt, sie lauscht. Sie hat die anderen auf die Straße treten sehen. Es ist ihre Zeit, ihre Geranienzeit. Sie füllt die kleine, handliche Kanne mit Wasser. Etwas von ihrem Frühstückskaffee gibt sie hinzu. Sie hat gelesen, dass das gut ist für Pflanzen.  An der Tür lauscht sie noch einmal. Sie will allein sein mit ihrer roten Pflanze. Denn sie ist sicher, dass sie ihr viel zu sagen hat.

 

Sie tritt hinaus auf die Fußmatte, atmet vorsichtig ein und blickt hoch zum Treppenhausfenster, zur dunkelroten Blüte in dem schönen Übertopf. Sie wartet. Die Gießkanne wird schwer in der Hand. Den Windzug spürt sie nicht. Erst das schmatzende Geräusch ihrer zufallenden Wohnungstür lässt sie aufhorchen. Sie greift in ihre Schürzentasche. Kein Schlüssel. Ein Taschentuch. Eine Büroklammer. Sie wundert sich. Dann kommt der Schreck. Sie kann nicht zurück. Ihr bricht der Schweiß aus. Sie ist froh über das Taschentuch, sie wischt über die Stirn. Dann steigt sie langsam hin zu ihrer Geranie. Die Knie schmerzen, aber sie hat Zeit. Sie ist ratlos. Sie kann nicht zurück.

 

Plötzlich hört sie Schritte unten an der Haustür, schnelle Schritte. Die letzte Stufe steigt sie hastig hoch. Die Schritte kommen näher, sie stellt sich vor die Fensterbank, den Rücken im Treppenhaus. Die Schritte werden langsamer.

„Frau Winter?!“. Zuletzt hatte der Pastor ihren Namen genannt. Jetzt klingt er mit Nachhall laut in dem Treppenhaus. Frau Winter. Mehr ein Ausruf als eine Frage. Sie nickt ohne Blick kurz über die Schulter und beginnt mit dem Zeigefinger in der Blumenerde zu graben. Die Erde ist trocken, viel zu trocken. Sie gießt etwas Kaffeewasser über ihren Zeigefinger auf die Erde und nickt noch einmal. Das Zögern der Nachbarin aus der Wohnung über ihrer sieht sie nicht, sieht nicht ihr Kopfschütteln, aber als die Schritte sich entfernen, ist sie erleichtert.

 

Vorsichtig schiebt sie die Blätter der kleinen Pflanze auseinander. Unten entdeckt sie, zart und klein, einen grünen Blütenstand. Sie freut sich, er ist neu. Der Geranie gefällt es hinter dem Fenster nach Süden. Die winzigen grünen Kügelchen, dicht an dicht zu einer rundlichen Traube geformt, werden zwischen den Blättern emporwachsen und bald in ihrem dunklen Rot erblühen. Dann kann sie den alten Blütenstand abbrechen, um Platz zu machen für den neuen. Einzelne welke Blüten zupft sie aus dem alten Blütenstand, dann erschrickt sie.

 

„Wohnt die Frau bei uns?“. Die Kinderstimme klingt laut.

„Entschuldigen Sie, wir wohnen erst seit einer Woche hier. Der Kleine kennt Sie noch nicht. Merhammer, vierter Stock“, dann zieht die Frau das Kind weiter. „Mama, gehört der Frau die Blume?“

„Das ist eine Geranie, sie gehört mir.“ Sie ist verwundert über ihre Stimme im Treppenhaus. Dann hört sie sich sagen: „Der Pastor hat sie mir geschenkt.“ Die staunende Kinderfrage „Der Pastor?“ hört sie noch, dann wird die Tür im vierten Stock geschlossen. Sie fühlt den Wunsch, dem Kind von ihrem Geburtstag zu erzählen und stellt die Kanne ab. Dorthin, wo niemand stolpern kann.

 

Ihre Beine sind lahm vom langen Stehen. In ihrer Wohnung hat sie einen Stuhl vor dem Fenster. Darauf sitzt sie, wenn sie wartet, dass auf der Straße etwas geschieht. Jetzt setzt sie sich auf die Treppenstufen. Nach einiger Zeit zieht sie sich am Handlauf hoch. Sie wird aus dem Fenster schauen, was soll sie sonst tun?

Aber sie spürt kein Interesse an dem, was auf der Straße geschieht. Sie wartet auf Schritte im Treppenhaus. Das Gefühl ist ihr fremd, verunsichert sie, aber sie spürt es deutlich. Eine Sehnsucht hat sich ausgestreckt in ihr. Ein Gefühl, das erinnert an eine vergangene Zeit. Es tut wohl und es tut weh und sie glaubt, es ist das Sonnenlicht, wenn ihre Augen brennen.

Mit den Fingern streicht sie über ein pelziges Blatt. Die Geranie neigt sich unter dem leichten Druck der Fingerspitzen.

 

Manchmal meint sie jemanden heraufkommen zu hören. Den Gedanken, wieder in ihre Wohnung zurückzukommen, hat sie verloren. Sie tritt an das Geländer, schaut in den sich windenden Ring des Handlaufs nach unten und wünscht sich eine Hand, die nach oben gleitet, hin zu ihr.

 

„Frau Winter, Sie sind ja immer noch hier!“. Die Hand am Handlauf ist von dem Stockwerk über ihrer Wohnung gekommen. Das hat sie nicht bemerkt und ist froh. Deutlich fühlt sie es. Neu und froh.

„Meine Tür ist zugefallen“, sagt sie und spürt, wie sie rot wird. Sie hört ein Lachen.

„Das ist mir auch schon mal passiert. Wir rufen den Schlüsseldienst an!“  

 

Die Geranie nickt. Sie nickt der Sonne entgegen und sie nickt Frau Winter zu.

 

Frau Winter wartet. Sie wartet auf den Schlüsseldienst in der Wohnung über ihrer Wohnung und wundert sich, dass die Türen an der gleichen Stelle sind wie in ihrer. Sie findet sich zurecht in der fremden Wohnung, geht in Gedanken in Küche, Zimmer und Bad und wundert sich.

 

„Schöne Blume, da auf der Fensterbank im Treppenhaus“, sagt der Mann vom Schlüsseldienst und kassiert bar. 


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Zum Roman der Autorin.

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Porträt der Autorin:

Sigrid Dobat, geb. 1943 in Kiel, aufgewachsen in Flintbek und Kiel, den Handlungsorten ihres Romans. Sie lebt heute in Harrislee bei Flensburg, ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne. 

  Nach dem Germanistik- und Kunststudium arbeitete sie als Realschullehrerin, Studienleiterin

und Supervisorin..

  Aktuell widmete sie sich der Malerei mit dem Schwerpunkt Aquarell und dem Schreiben.

Sie ist bekannt durch verschiedene Ausstellungen, der Veröffentlichung von teilweise ausgezeichneten Kurzgeschichten und der Teilnahme an öffentlichen Lesungen zweier Autorenkreise (Flensburger Autorentreff und Tarper Autorenkreis).

Erschienen sind bisher:

  Nenn‘ mich Margot, Husum, 2014

  Tauben am Fenster und andere Geschichten, Leipzig 2017

  Zimmer Nummer 18 und andere Geschichten, Leipzig 2023

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