
Visit Boltenhagen
Strandläufer Boltenhagen



Ein besonderer Ort
Wie schön es hier war, welch Glück sie hatte mit der neuen kleinen Wohnung. Das Blau des Himmels, heller Sonnenschein, grüner Dünenstreifen, weiße Möwen und Segelboote, Knallfarben der Landschaft. Bewegung und Stille. „Ich habe alles auf neu und Anfang gesetzt.“
Am baltischen Meer zu leben erschien ihr das Begehrenswerteste im Rentenalter. Lange suchte sie nach diesem passenden ‚Ruhepunkt für ihre Seele‘. „Jetzt und heute musste es sein!“, hatte sie vor einigen Monaten spontan entschieden, als ihr die Wohnung angeboten wurde. Abrupt verabschiedete sie sich aus dem alten Leben, um hier ihr Heim des Feierabends ganz für sich zu feiern, wie sie es lächelnd nannte.
Spätnachmittags tanzte sie singend barfuß froh und leichten Herzens mit wehenden grauen Haaren am silbrigen Meer entlang. Ihre Spuren im hellen Sand fraßen gierige Wellen sogleich auf. Meeresrauschen. Kreischende Seevögel.
Im angehenden Dämmerlicht des Abendfriedens sitzkniete sie sich in den noch tageswarmen Sand. Das waren ihre starken Momente der kraftvollen Einsamkeit.
Pia zog den Schal in der orangenen Farbe reifer Sanddornbeeren enger um den Kopf. Lausig frisch, der Wind heute.
Sie spürte die heutigen Glücksfunde in den Taschen der türkisblauen Allwetterjacke. Nein, sie konnte es noch immer nicht lassen. Staunend und wie besessen musste sie gebückt alles aufklauben.
‚Aber wie leicht es doch jetzt ist, diese Sächelchen alle wieder loszulassen‘, staunte sie über sich selbst.
Spielerisch nahm sie eine Herzmuschel mit oben und unten in die Hand. Zart und zerbrechlich schien sie ihr, beide Hälften waren nur noch locker verbunden. Sie spürte zu ihrem eigenen Herzen hin. ‚Du altes Blutorgan, nun schlägst du schon so lange in Freude und Trauer verlässlich für mich. Mein Glück über tiefempfundene Lieben und Freuden. Trauer, aber auch Wut über Täuschungen, Betrug und Menschen, die mir falsch mitgespielt haben‘. Pia steigerte sich augenblicklich in diese Wut hinein, ihre Tränen schmeckten salzig auf den Lippen.
‚Glück und Glas, wie leicht bricht das‘. Wütend versuchte sie die Muschel zu zerstören, aber es war schwieriger als gedacht.
Der dicke Cuno, die schwarze Krähe, lauerte beobachtend schon länger in Pias Nähe herum und kam an, hoffte auf einen Leckerbissen. „Ätsch“, Pia war ihm die Muschelreste hin. Beleidigt hüpfte er davon.
Sie blickte in die Ferne und beruhigte sich etwas, ließ Sand durch die Finger rieseln. Jahrmillionen alter Sand, Pias Lebenszeit dagegen kurz.
Jetzt begann die Sonne mit ihrem Welt-Untergangsspektakel, ganz großes Kino! Nur für einen Moment zu erleben und doch morgen wieder. Glutrot stürzte sie sich langsam und millimeterweise ins noch glitzernde Meer.
Pia kramte einen verkalkten Feuerstein hervor. Amüsiert betrachtete sie ihn mit albernen Ideen. ‚Dich beten sie hier als Hühnergott an. Wo steht dann dein Hühner-Gotteshaus? Vielleicht eine Marktlücke?‘ Leicht gruben ihre Finger ein Loch in den Sand und beerdigten den Hühnergott standesgemäß, er kam ja von hier.
Pia grinste beim Betrachten der Möwen auf dem Meer. Ihr kam in den Sinn, wie Schiller einst kalauerte: „auf den Wellen ist alles Welle“.
‚Hier möchte ich für immer ankern‘, schwärmte die alte Frau. ‚Wind und Wetter werde ich trotzen. Morgen will ich mal ein Wachtturm sein. Ich zieh meinen rot-weißen Kringel-Bikini über meine speckig-mollige Figur. Dann bin ich bestimmt ein prächtiger Leuchtturm, unten rum geerdet und oben rum mit blinkender Strahlkraft‘, so ihre selbstironischen Gedanken.
Pias Finger umklammerten einen gelben Stein. ‚Ach schau an, ein echter Bernstein‘ Er strahlte sie an. ‚Wie schön du bist‘. Mit dem Blick in sein güldenes Licht kamen gute Erinnerungen, die wärmten ihr die Seele. Sie fühlte Frieden und war glücklich.
Mittlerweile war die Sonne schon weit herabgesunken, ihr Strahlen und Leuchten entwarf lebendige Schattenspiele. Phänomenale Kulisse, jetzt, das letzte Aufglimmen und damit für heute für immer versunken. So großartig.
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Autorenporträt:
G. von Löwenburg lebt heute in einem freundlichen kleinen Ort an der Ostsee, hier wurde der Roman „Delle“ fertiggestellt. Gerne ist sie zu Lesungen bereit, fast komödiantisch die Lesung von „Reisezeit - Zeitreise“, wesentlich ernster und einfühlsamer „Grenzen.Los.“. Schreiben ist eine tiefe Leidenschaft, die viel Raum im Leben braucht.
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Schulfest
„Nein, Sie haben keinen Hörsturz! Solange Sie nicht über mehrere Stunden hinweg außergewöhnliche Ohrengeräusche wahrnehmen, haben Sie definitiv nichts.“
„Wie, ich habe nichts?!“
„Es lässt sich aktuell kein auffälliger Befund erheben; sie brauchen sich für den Moment keine Sorgen zu machen.“
„Gut, vielen Dank, Herr Dr. Sailer; jetzt bin ich doch ziemlich erleichtert! Und ich dachte schon, es wäre etwas Ernstes.“
Werner schätzt seinen langjährigen Hals-Nasen-Ohren-Arzt außerordentlich. Ein erstklassiger Diagnostiker und überaus sensibel im Umgang mit seinen Patienten.
In letzter Zeit ist Werner in der Schule lärmempfindlich geworden, - ohne erkennbaren Grund. Er übt seinen Beruf als Lehrer immer noch gern aus: den Unterricht in seinen Fächern, den täglichen Umgang mit seinen Schülern; bloß auf die Stapel von Korrekturen an den Wochenenden würde er manches Mal gerne verzichten.
Die Diagnose von Dr. Sailer entlastet ihn spürbar. Sie vermag allerdings nicht zu erklären, was er neulich während des Schulfests erlebt hatte.
Samstagnachmittag im Foyer der Schule: Alle Schulklassen haben aufwändig ihre Stände und Stellwände aufgebaut und stellen ihre letzten Projekte zum Ende des Schuljahrs vor. Ein wenig stolz ist Werner auf seine 7. Klasse, mit der er zuletzt einen Kalligrafiekurs durchgeführt hatte. Die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen. Die Eltern dürften einmal mehr begeistert sein. Während Werner über den Flur läuft, begegnet er einigen Schülern seiner Klasse und deren Eltern; ebenso scheinen einige Besucher aus dem Stadtteil heute in der Schule vorbeizuschauen.
Werner hört die zahlreichen Stimmen der Schüler und Besucher, die sich angeregt über die ausgestellten Projekte unterhalten. Auch in diesem Jahr ein vielstimmiger Chor, der mitunter einer babylonischen Sprachverwirrung gleichkommt. Die Schüler und ihre Familien stammen zum Teil aus den unterschiedlichsten Regionen dieser Erde. Werner hört Sprachen, die er niemals zuvor in seinem Leben gehört hatte und von deren Existenz er allenfalls ahnungsweise wusste. Neben Arabisch und Berberisch aus Nordafrika, Aramäisch aus Syrien, slawische Sprachen aus Osteuropa.
Während Werner sich langsam einen Weg durch die Menschenmenge bahnt, hört er ein eigentümliches Raunen im Foyer der Schule. Einzelne Schülerstimmen, Sprachen und Akzente lassen sich deutlich voneinander unterscheiden. Je länger Werner bewusst hinhört, desto stärker und auch unangenehmer wird diese Geräuschkulisse. Fast alle im Raum sprechen mehr oder weniger durcheinander. Seine Ohren beginnen zu schmerzen. Er massiert seine Ohrläppchen. Doch, - vergeblich. Seine Ohren fallen zu und versagen ihren Dienst.
Werner hat aufgehört hinzuhören; einzelne Stimmen treten allmählich in den Hintergrund und beginnen zu verschwimmen. Inzwischen nimmt er nur noch einen breiten, kaum hörbaren, Strom wahr, in den die unterschiedlichen Stimmen und Sprachen eintauchen. Ein auf- und abschwellendes Rauschen, das sich mit der Zeit immer angenehmer anfühlt.
Werner ist sich unsicher, was er soeben hört. Er traut seinen Ohren nicht. Es klingt fremd und doch irgendwie beruhigend zugleich.
Seine Hörfunktion war im Übrigen immer noch überdurchschnittlich gut; das hatte ihm Dr. Sailer zuletzt wieder bestätigt.
Einen Moment lang denkt er an seine verstorbene Großmutter. In seiner Kindheit hatte sie ihm regelmäßig aus einer Kinderbibel vorgelesen und die zahlreichen Bilder darin aufmerksam mit ihm betrachtet. Momente der Geborgenheit und Vertrautheit zwischen ihm und seiner Großmutter.
Auch wenn ihm als Kind die biblischen Erzählungen immer etwas sonderbar und unverständlich vorkamen. Passion und Ostern waren schon seltsam genug und mit Himmelfahrt und Pfingsten erging es ihm schließlich auch nicht viel besser.
Immerhin erschien ihm Pfingsten wie eine echte Fantasy-Geschichte. Unzählige Menschen aus verschiedenen Ländern kommen in Jerusalem nach dem Tod von Jesus zusammen, um die Ereignisse um seine Person zu verstehen. Jeder spricht dabei in seiner eigenen Sprache, - ohne eine Chance den anderen zu verstehen.
Großmutter las und erzählte an dieser Stelle immer besonders spannend vor; vielleicht weil alles kurz vor Schluss in einem großen Durcheinander zu enden drohte.
Bis auf den einen Moment, in dem jeder den anderen zu verstehen beginnt, ohne dessen Sprache zu sprechen. Und niemand konnte so richtig erklären, wie es genau dazu kam.
Und jetzt im Foyer: Unzählige Stimmen, Sprachen und Kulturen, die sich für den Moment unverständlich bleiben. Und doch klingt es in Werners Ohren langsam anders, - fast wie verwandelt. Seine Ohren öffnen sich wieder. Aus dem Stimmengewirr der Schüler und Eltern entsteht ein gemeinsames Hören und Verstehen über alle sprachlichen Grenzen hinweg. Eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung, - ein Hauch von Pfingsten.
Nach dem Besuch in der HNO-Praxis ist sich Werner sicher: Was auch immer an jenem Vormittag im Foyer seiner Schule passiert war, er selbst hatte in der Tat keinen Hörsturz erlitten.
Er muss bei nächster Gelegenheit darüber unbedingt mit seinen Schülern sprechen.
Für einen Augenblick denkt er intensiv an seine Großmutter und sieht ihr Gesicht vor sich: Sie lächelt ihn wie früher verständnisvoll an.
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