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Vergessen

  Es ist etwas anderes, ob man etwas in der Zeitung gelesen oder es selbst erlebt hat. Wer es liest, denkt vielleicht: Ach du meine Güte. Sitzt er am Frühstückstisch mit jemandem zusammen, sagt er vielleicht „Stell dir das mal vor!“ und liest den kurzen Artikel vor, und dann sagt oder denkt auch der oder die andere: „Ach du meine Güte. Dass sowas passieren kann.“ Sie seufzen gemeinsam, falten die Zeitung, legen sie beiseite, greifen nach dem nächsten Brötchen oder öffnen das gekochte Ei, entweder mit einem gekonnten Messerquerschlag oder geduldigem Beklopfen und Abpellen. Wenn alles normal verläuft, stellen sie fest, dass das Ei nicht ganz gar oder zu hart oder dass es genau richtig ist, nämlich das Eiweiß gut durch, das Eigelb aber noch leicht flüssig. Letzteres gelingt nicht immer. Wer ein genau richtiges Ei bekommen hat, freut sich auf den weiteren Verlauf des Tages. Es ist nicht der Rede wert, dass der oder die andere ihn heimlich um die Qualität des Eis beneidet. Man mag, schätzt oder liebt sich, man gönnt sich gegenseitig das bessere Ei, die schönere Brötchenhälfte, den ersten Stich ins volle Nusscremeglas, und zu dem, was gerade aus der Zeitung vorgelesen wurde, sagt man „Ach du meine Güte“ und vergisst es dann wieder.

Ich wünschte, auch ich könnte die Zeitung weglegen, das Gelesene vergessen und mir ein Ei darauf pellen …

 

   An jenem Morgen im August war es schon früh sehr warm draußen. Ich saß bei heruntergelassener Fensterscheibe am Steuer in der Hoffnung, etwas Fahrtwind abzubekommen, denn die Klimaanlage funktionierte seit einiger Zeit nicht mehr. Vor dem Urlaub hatten wir vor der Entscheidung gestanden, sie teuer reparieren zu lassen, aber dann ließen wir es sein. Das Auto war zehn Jahre alt, wer wusste schon, wie lange es überhaupt noch mitmachen würde. Den Urlaub hatte es gut überstanden, der Juli war relativ kühl geblieben, wir hatten die Klimaanlage nicht vermisst. Doch jetzt brach der Hochsommer sich doch noch Bahn und goss schon am frühen Morgen eine unerwartete Wärme in die verstopften Straßen, ich schwitzte schon, bevor ich in der Firma ankam, und musste als Erstes mein Hemd wechseln gehen. Ich hatte immer ein Handtuch und sogar einen Waschlappen dabei und mein Deospray – kein Problem eigentlich; man kann sich auf alles einstellen. Für den Kundenkontakt war es jedenfalls günstig, ein bisschen erfrischt auszusehen. In der Firma streifte ich dann auch den Ehering über meinen rechten Ringfinger, so wie die Chefin es wünschte. Ein Ehering wirkt vertrauenerweckend. Das Verrückte ist, dass Helena und ich wirklich verheiratet sind – also, waren. Da wir aber beide ungern Ringe trugen, hatten wir uns zur Hochzeit gar keine gekauft. Ich fand es schon ulkig, dass ich mir für die Arbeit einen Ehering zulegen sollte. Es gab mir das seltsame Gefühl, tagsüber mit der Firma verheiratet zu sein, aber daran gewöhnte ich mich, und Helena lachte darüber.

   Der Weg zur Arbeit dauerte an jenem Morgen im August fast doppelt so lang wie sonst. Anscheinend waren alle Urlauber gleichzeitig zurückgekehrt. In Kolonnen schoben sich mehrere Autoschlangen nebeneinander her in die Innenstadt, und es ging ihnen ähnlich wie mir: Sie ließen Hände oder Ellenbogen aus den Fenstern hängen, drehten die Musik laut, schwitzten und versuchten, sich nicht zu ärgern. Ich dachte an mein Tagespensum. Auf dem Schreibtisch erwartete mich der Stapel, den ich gestern nicht fertig abgearbeitet hatte, und es würde einiges Neue darauf gelandet sein. Ich würde ihn sortieren, Prioritäten setzen, bis zur Kaffeepause beschäftigt sein; um elf wäre der Termin mit dem hochbetagten Arzt, der beabsichtigte, uns sein Vermögen zu vermachen. Danach umgehend Rücksprache mit der Chefin. Sollte ich die beiden persönlich miteinander bekannt machen? Es käme ein bisschen auf die Summe an. Mal sehen. Am Nachmittag dann ein Kunde nach dem anderen …

Mir klebte bereits das Hemd am Rücken. Ich seufzte, wechselte den Radiosender, versuchte wieder, mich nicht über den stockenden Verkehr zu ärgern – ach, und eine Klimaanlage wäre wirklich fantastisch gewesen und warum eigentlich nicht gleich ein neues Auto?

Da löste sich vor mir der Verkehr. Es wurde nach links und rechts abgebogen, die Leute erreichten ihre Ziele, und ich konnte endlich Gas geben. Es ist gut möglich, dass ich übermütig wurde, pfiff und zu schnell fuhr. Das spielt aber alles keine Rolle. Ich kam auf dem Parkplatz an, freute mich über die Lücke, die ich alsbald fand, parkte ein, ließ die Fensterscheiben hoch, griff nach meiner Tasche, stieg aus, warf die Tür zu und verriegelte das Auto im Weggehen.

   Der Vormittag verlief genau nach Plan. Ich wusch mich und streifte den Ring über, legte los am Schreibtisch, empfing den alten Herrn, behielt die absolute Kontrolle über meine Mimik, als er mir andeutete, um welchen Betrag es ging, genoss das Lob meiner Chefin im Anschluss an die Zusammenkunft, und wollte gerade in die Kantine gehen, als Frau Lehmensiek aus dem Sekretariat mich anrief. „Es ist dringend“, sagte sie. „Ihre Frau ist am Apparat. Sie konnte Sie nicht erreichen, auch nicht auf dem Handy, Flugmodus wahrscheinlich. Ich stelle durch.“

Noch bevor ich mit Helena sprach, war mir, als fiele ich ins Bodenlose. Blitzartig wurde mir klar, worum es ging. Ach du meine Güte, Scheiße, das darf nicht wahr sein.

Das Telefon wackelte in meiner Hand. Sogar der falsche Ehering vibrierte.

„Kai!“, stieß Helena mit rauer Stimme hervor. „Du hast Leonie nicht in die Krippe gebracht! Aber du hattest sie doch mitgenommen! Kai! Wo ist Leonie? Wo ist Leonie???“

                                                                                                   

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Porträt der Autorin:

Gundula Buitkamp, geboren in Göttingen, ist auf dem abwechslungsreichen Weg über Göteborg, Järna und Heidelberg schließlich nach Lübeck gekommen, wo sie heute lebt. Sie hat Musiktherapie und Skandinavistik studiert. Aktuell arbeitet sie in der Lübecker Fachklinik für Junges Leben (JuLe) sowie in freier Praxis. Musizieren, kreatives Schreiben, und Bewegung in der Natur sind ihre Kraftquellen. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Söhne.

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